#OMDnext: Develop a connection with the future  

Bei der Next Conference in Hamburg haben vom 20.-21. September rund 1.500 Entscheider, Meinungsführer und Kreative über interdisziplinäre Lösungen für menschlichere Technologien diskutiert. Mittendrin und live dabei war auch Tanja Loehmann, Director Insight Planning bei OMD in Hamburg – sie hat ihre Eindrücke vom Event zusammengefasst:

Die Next Conference setzt sich seit jeher ein hehres Ziel: „Develop a connection with the future“. Dabei stellt sie die Langzeitperspektive der Digitalisierung ins Zentrum. Gewollt konträre Meinungen der Referenten und unterschiedlichste Perspektiven auf das Thema regen zum Denken, Diskutieren und schlussendlich auch zum Handeln an.

„FIX Digital: Können wir Digital retten?“ 

Passend zu diesem Motto startete der erste Tag mit einer eher launigen bis desillusionierten Keynote: Autor und Moderator Andrew Keen sprach für einen enttäuschten Digitaloptimismus und darüber, dass das Internet entwickelt wurde, um Gutes zu bewirken: Wissen soll demokratisiert und Kommunikation über Grenzen hinweg ermöglicht werden. Die Realität sieht jedoch anders aus:  Das Internet wird nicht (nur) eingesetzt, um die Welt besser zu machen – sondern hauptsächlich, um Geld zu verdienen. Und so ist es eine Handvoll großer Konzerne, die die Geschicke lenkt – und alles mit dem Ziel, (noch) mehr Geld zu verdienen. Nicht umsonst etabliert sich immer mehr Zweifel an den Absichten und versteckten Agenden hinter den neuesten Projekten und Produkten.

Wie kann Digitalisierung die Welt verbessern?

Zum Glück gibt es auch die Optimisten, wie bspw. Eco Moliterno, CEO bei Accenture Interactive LatAm. Er hat „FIX digital“ in FIVE INNOVATIVE XAMPLES übersetzt und gezeigt, wie die Digitalisierung die Welt Schritt für Schritt besser machen kann. Es folgt meine Top 3 Auswahl seiner Ansätze:

  • #1: MYLINE ermöglicht Menschen auch in Gegenden, in denen kein Internet/WLAN verfügbar ist, Zugang zu Google und somit zum Wissensschatz des Internets. Und zwar indem sie Google „anrufen“ und ihre mündlich gestellte Suchanfrage direkt in Search übertragen und so beantwortet wird.
  • #2: GOOD VIBES PROJECT „übersetzt” gesprochene und geschriebene Kommunikation in Morse Code – der durch Smartphone Vibrationen ausgegeben wird. So können Taubstumme deutlich selbstverständlicher an alltäglicher Kommunikation teilnehmen.
  • #3: THE HIJACKED HIGHWAY AI kann (auch) die Werbewelt besser machen: Langweilige „zugeclutterte“ Momente werden durch VR unterhaltsam-werblich aufgebrochen.

Nicht fehlen darf aktuell natürlich das Thema AI, das in diesem Spannungsfeld ausführlich diskutiert wurde. Dr. Ayesha Khanna, CEO bei ADDO AI,  ordnet die Möglichkeiten in vier Felder:

  • #1: AI for personalisation: Bereits jetzt werden bspw. auf Amazon 35% des Umsatzes durch AI basierte Empfehlungen ausgelöst. Und dabei ist das Potential der Personalisierung noch lange nicht ausgeschöpft – und beschränkt sich mit Sicherheit nicht nur auf Shopping Experiences sondern wird auch Bereich wie Health Care, Entertainment etc. bereichern.
  • #2: AI for automation: Customer Service und Experiences werden durch AI schneller, effizienter und gezielter. Bspw. durch eine noch natürlichere Art der Kommunikation, wenn Voice Assistants erstmal umfänglich etabliert sind. Flipkart (Indiens Amazon) hat bspw. gerade ai (voice recognition) ins Leben gerufen, um den „Voice-to-Text“-Prozess zu meistern und auch die Bevölkerungssegmente mitzunehmen, die nicht des Schreibens und Lesens mächtig sind.
  • #3: AI for innovation: AI basierte Systeme und Analysen werden es ermöglichen, noch mehr und schnellere Insights über Kunden und Gesellschaften zu generieren und für Innovationen zu nutzen.
  • #4: AI for discovery: Ebenso werden neue Einsatzmöglichkeiten von und für Daten entdeckt; bspw. wird die Landwirtschaft in Produktion und Nachhaltigkeit optimiert, indem Informationen über Wetter und Ernährungstrends schneller und effizienter in Handlungsanweisungen übersetzt werden.

Wie wirkt sich künstliche Intelligenz auf unsere Gefühle aus?

Einen Schritt weiter denkt Pamela Pavliscak, Gründerin von Change Sciences, die sich mit den Auswirkungen von Digitalisierung und AI auf unsere Gefühle auseinandergesetzt hat. „Future of Feeling“: Zum einen werden neue Gefühle entwickelt und geschürt. Wer kannte vor Instagram und Co. das Gefühl „Vermödalen”? (=“die Frustration und Wut, wenn man etwas Wunderbares fotografiert, um schlussendlich zu merken, dass dies schon tausendfach existiert”) – oder das Gefühl, das man empfindet, wenn im Chat bei einer anderen Person „…schreibt“ leuchtet – und keine Nachricht ankommt?

Zum anderen werden die Bewertung und die Ausspielung von Gefühlen durch Technologien immer besser. Aktuell verfügt Technologie über einen sehr hohen IQ – aber einen verschwindend geringen EQ (Emotion/Empathy Quotient). Laut Pavliscak wird sich dies drastisch ändern:

  • 2020: Das Zeitalter der „sociable machines“, d.h. dass Beziehungen mit Maschinen immer intimer werden. Noch löst die Frage, ob man möchte, dass sein Roboter am Sterbebett die Hand hält, Unbehagen aus. Gleichzeitig wünschen sich jedoch schon 37% der Benutzer von Voice Assistenten, dass letzterer eine Person wäre.
  • 2025: Maschinen perfektionieren die Fähigkeit, Emotionen zu erkennen – und Umsatzprognosen liegen bereits bei 50bn USD für Emotional AI. Laut Gartner werden bereits 2022 Maschinen dank Gesichts- und Spracherkennung, das Auslesen von Körpersignalen und die Interpretation von Mimik und Körpersprache etc. mehr über unsere Emotionen wissen als wir selber. Und spätestens 2050 wird der Wechsel von Artificial zu Emotional Intelligence für alle spürbar sein.

Auf welche menschlichen Motivationen sind aktuelle Digitalisierungstrends zurückzuführen?

Und mein jährliches Highlight: Trendforscher David Matten. Dieses Jahr hat er aktuelle Trends und Entwicklungen der Digitalisierung auf drei Grundmotivationen der Menschen zurückgeführt:

  • Connection: Relationships with other human beings / Trend: Virtual Companions:
    Bisher getrieben von Verbindungen mit anderen Menschen, werden jetzt zunehmend AI-basierte Beziehungen in unser Leben treten. Gartner prognostiziert sogar, dass wir bis 2020 mehr Unterhaltungen mit Chat Bots und Voice Assistants haben werden, als mit unseren Partnern. Beispiele: Ellig für Senioren, Gatebox als home assistant mit Erweiterung um Sex Roboter.
  • Status: How do you elevate yourself above your peers / Trend: (we are all) lab rats
    Instagram und andere digitale Profile sind bereits im Alltag angekommen: Alles dreht sich um Selbstoptimierung. Und zunehmend bringen wir unser Leben und unseren Körper als Optimierungsmasse ein und entdecken durch Technologien immer neue Möglichkeiten und Fähigkeiten – aber was wird das mit uns und der Gesellschaft machen? Wird Geld die Basis für ein langes optimiertes Leben sein? Oder kann dies demokratisiert werden? Bspw. Xenoma und die Talkbox. 
  • Belief: What set of values can I subscribe to? / Trend: Augmented Belief
    Egal wie emanzipiert und weltlich wir sind: Menschen sind getrieben von der Suche nach Orientierung und Sinn durch Werte und/oder den Glauben. Auch Technologie kann hier eine relevante Rolle spielen. Sei es bei den politischen Werten (virtuelle Politiker) bis hin zu neuen virtuellen Welten wie SEED, wo die Entwicklung von neuen Gesellschaftsmodellen beobachtet wird – oder gar dem virtuellen Gott der Kirche „Way of the Future“.

Die Zukunft der Digitalisierung: Wie geht es weiter?

Und auch hier abschließend ein Aufruf an alle Innovatoren und Gestalter: Es gibt noch eine vierte Grundmotivation: MACHT. Und wir müssen schon jetzt bedenken und im Auge behalten, wer in Zukunft die Macht über die digitale Entwicklung haben wird. Wer wird das Amazon der Robotics? Wer das Google der gesellschaftlichen Werte?

Und so schwebte über der gesamten Konferenz der sanfte Appell, die Digitalisierung verantwortungsvoll und -bewusst zu gestalten. Noch kann sie in gute und nachhaltige Bahnen gelenkt werden und allen als Infrastruktur für Wissen und Kommunikation helfen. Wie Virginia Dignum, Professorin für Technologie an der Uni Delft, zusammenfasste:

„AI is not happening to us – we make it happen!”

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Tanja Loehmann

Director Insight Planning / OMD Hamburg

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